König Krösus befragte das Orakel von Delphi, ob er gegen die Perser marschieren solle. „Wenn du das tust“, prophezeite das Orakel, „wirst du ein mächtiges Reich zerstören.“ Krösus verstand dies als Garantie für seinen Erfolg.

Hochmütig und siegessicher zog er in die Schlacht und verlor. In seinem Wunsch nach Triumph, hörte er nur das, was er hören wollte. Leider vergaß er dabei aber etwas sehr Entscheidendes – die Rückfrage, welches Reich das Orakel gemeint hatte.

Die Orakel der heutigen Zeit sind die Medien, die rund um die Uhr Informationen liefern. Welche davon sind für mich wichtig, wo muss ich genauer hinhören und welche Schlüsse ziehe ich daraus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Hör- und Zuhörforschung. Haben Sie gewusst, dass wir uns 85 Prozent unseres Wissens durch Zuhören angeeignet haben? Oder dass ein Erwachsener innerhalb einer Minute 125 Worte sprechen, aber 400 Worten zuhören kann? 50 Millisekunden braucht das Gehirn, um ein Wort von dem anderen zu unterscheiden.

Anders als beim Hören geben wir beim Zuhören dem Gehörten einen Sinn. Durch aktives Zuhören nehmen wir Anteil und können nachvollziehen, wie es dem Gesprächspartner geht. „Nur wer zuhört, kann die Welt wahrnehmen, begreifen und mitgestalten“, so Simone Groos der Stiftung Zuhören vom Bayrischen Rundfunk, einem wichtigen Partner des AUDIOVERSUM. Dazu braucht es Zeit und den Willen, sich auf den anderen einzulassen. Nicht auf ein Stichwort warten, um die eigene Geschichte zum Besten zu geben, sondern hinhören, was der oder die andere sagen will. Und auch einmal nachfragen. Das hätte König Krösus vor seinem fatalen Kriegszug bewahren können.

 

Quelle: http://derstandard.at/1355460143166/Koennen-Kinder-nicht-mehr-zuhoeren, Shutterstock;