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Thomas Lackner über das Wesen der Kunst

Im November bietet das AUDIOVERSUM Tiroler Musikschaffenden eine Plattform bei der sie allein im Museum ihr „musikalisches Original“ auf Vinyl verewigen können. Die Kompositionen und Stücke werden dabei mit dem Vinylographen aufgenommen, ich habe hier bereits von diesem speziellen Exponat berichtet.

Thomas Lackner ist Techniker, sein Werkzeug ist die Stimme. In seinem beruflichen Werdegang spielte sie immer eine Rolle, sei es als Schauspieler, Moderator, Künstler oder Coach. Für die Charity-Aktion „Allein im Museum“ spielte auch er ein einzigartiges Tondokument in der Sonderausstellung „Vinyl – das Schöne an der schwarzen Scheibe“ auf Platte ein. Nach der Aufnahme habe ich ihn noch zum Gespräch gebeten.

Thomas, welches Stück hast du für die heutige Momentaufnahme am Vinylographen ausgewählt und warum?

Das erste Stück heißt „As time goes by“ von Herman Hupfeld aus dem Jahr 1931. Bekannt geworden ist das Lied aber erst rund 10 Jahre später im Film „Casablanca“ aus dem Jahre 1942. Für die Rückseite habe ich ein französisches Chanson ausgesucht: „Les feuilles mortes“ – Jaques Prévert hat es gesungen, später wurde es unter dem englischen Titel „Autumn Leaves“ zum Jazz Klassiker.

Den Gesangsstil für beide Lieder könnte man als „Crooning“ bezeichnen. Crooner waren die ersten Popstars der Radiogeschichte in den 20iger und 30iger Jahren, mit Hang zu melancholischen Herz-Schmerz-Liedern. Mit diesem Thema habe ich mich bereits in meiner Diplomarbeit für mein Studium der Musikwissenschaften beschäftigt. Das Thema Verlust, Liebe war prägend für diese Zeit, wo es vielen Menschen in Amerika wirtschaftlich nicht gut gegangen ist. Das wiederum passt zur heutigen Zeit der erzwungenen Isolation und der damit in Zusammenhang stehenden Krise der Wirtschaft. Ich mag diese Lieder, weil die Stimme als sehr intim benutztes Instrument und das persönliche Erzählen im Vordergrund steht.

Bei „Autumn Leaves“ geht es um die Erinnerungen nach einer Trennung. Fußspuren der Liebenden, die im Sand von den Wellen weggespült werden. Das Meer und seine Unendlichkeit ist etwas, das mich immer schon berührt hat.

Heute zählt die erste Aufnahme. Kein Probebetrieb quasi. Wie oft spielst du Stücke, sprichst du Texte ein – bis sie für dich perfekt sind?

Oskar Werner hat dazu gesagt: „Man muss ein Gedicht, bevor man es aufnimmt oder öffentlich vorträgt, 100mal gelesen haben.“ Das widerspricht der Spontanität, welche heute im Mittelpunkt stand. Aber ich glaube nicht daran, dass man immer nur irgendwas machen kann, ich glaube wichtig ist akribische Vorbereitung. Es gibt ein Zitat eines Schauspielers, das in etwa so lautet: „Je spontaner etwas wirkt, je selbstverständlicher, desto mehr Vorbereitung kann man dahinter vermuten!“ Erst wenn man etwas wirklich beherrscht, findet man wieder zu jener Freiheit, die Spontanität ermöglicht.

Platte oder CD – was wird überleben?

Als Speicherart wird höchstwahrscheinlich das Digitale überleben. Es wird aber immer Leute geben, die gerne etwas in der Hand haben, etwa eine Vinylplatte. Aber ich glaube, der Großteil bevorzugt die sofortige Verfügbarkeit: Musik auf Knopfdruck, wie es heute gang und gäbe ist.

Teilst Du mit uns Deine Gedanken zur aktuellen Situation der Kulturbetriebe im Jahr 2020?

In unserer westlichen Welt machen wir Kunst aus einer Selbstverständlichkeit heraus, es ist fast Gesetz geworden, Kunst machen zu dürfen, spielen zu dürfen. Mit Spielen meine ich nicht nur Theater, sondern Spielen als Prozess des Experimentierens. Ob mit Farben, Tönen, Worten oder wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Viele Künstler sind aufgrund der momentanen Situation existentiell gefährdet. Aber eine wirkliche, lebensbedrohliche Existenzangst brauchen wir in unseren Breiten nicht zu haben. Kultur ist in jedem Fall systemrelevant, aber vor allem ist sie gesellschaftlich relevant, sozial relevant, relevant für unser Zusammenleben. Die Abgründe, die sich hier auftun, bergen auch sehr viel kreatives Potential. Wir müssen plötzlich aus der Not der Situation heraus wieder kreativer werden, neue Dinge probieren, uns wieder aufs Neue hinterfragen. Das ist sicher nicht lustig, aber ich versuche in der jetzigen Lage auch eine Chance für mich zu sehen.
Ich wünsche mir keine Rückkehr zur alten Normalität, sondern dass diese Krise eine Möglichkeit bietet, sich zu Neuem hin zu entwickeln. Schließlich ist das ja genau das Wesen von Kunst. Spiel mit der Weiterentwicklung von Bestehendem, bis schließlich sich ganz plötzlich neue Räume öffnen. Das wäre zumindest mein Traum!

Das Interview führte Michaela Pletzer

 

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